
Das vergessene electra-Album
von Heidrun Hannusch (DNN vom 15.09.2004)
Mit der Jubläums-Box erscheint erstmals ein 1989/90 produziertes Album der
Dresdner Band.
|
|
|
Man kann ja vieles vergessen. Den Geburtstag, die Schlüssel oder die
aktuellen Charts der Hitparade. Na klar, die kann man wirklich vergessen.
Aber kann auch eine einmal aufgenommene, wenn auch nie produzierte Platte so
einfach und zumindest partiell aus dem Gedächtnis verschwinden? "Ich habe
wirklich nicht mehr daran gedacht seit damals", sagt Bernd Aust.
Damals, das war Ende 1989, Anfang 1990. Die Zeit, in der schneller als heute
vergessen wurde. Zum Beispiel die DDR-Bands. Die waren nicht schlecht,
manche sogar richtig gut, wie electra zum Beispiel. Aber hören wollten die
DDRler erst einmal andere. Pink Floyd und die Stones, Joe Cocker und,
nunja, Modern Talking auch.
Manches weniger eine Qualitäts- als eine Nachholefrage.
Nun hörte auch electra in dieser Zeit nicht einfach auf mit
dem, was sie zuvor schon 20 Jahre gemacht hatten, neue Songs schreiben, ins
Studio gehen, sie aufnehmen. Zumal es einiges Neue zu sagen gab in den
Texten. Und Texte waren den Dresdnern immer wichtig. So entstand die Platte
"Der aufrechte Gang", zehn Titel, alle neu, Anfang 1990 in Austs Studio
fertig produziert.
"Wir haben uns aber dann dagegen entschieden, das Band einer Plattenfirma
anzubieten. Wir wussten ja, dass sich Ost-Musik zur Zeit nicht verkauft. Und
warum sollte auch unsere Platte in den Regalen verstauben", sagt Aust.
Außerdem, meint er, man muss wissen, wann Schluss ist. "Wir hatten wirklich
eine gute Zeit, aber krampfhaft festhalten, das wollten wir nicht", sagt er.
Natürlich, sie gaben weiter Konzerte, als man sie wieder hören wollte, aber
an eine neue Platte dachten sie nicht. An die alte, die letzte auch nicht.
Dann kam das Angebot der Plattenfirma BMG Berlin Musik, die wollte anlässlich des
35-jährigen Bestehens von "electra" eine Gesamtausgabe der Alben
herausbringen. Sieben waren es. Und dazu schlug BMG vor, noch ein achtes
Album zu veröffentlichen, mit sogenannten "Specials". Da fiel Aust das Band ein
von 1990. Nach 14 Jahren hörte er es sich wieder einmal an. Hey, dachte er,
war ja richtig gut. Sänger Stefan Trepte fand das auch. Für das
Special-Angebot reichte Aust also zwei Titel davon mit ein. Kennen wir ja
noch gar nicht, habt ihr mehr davon, war die Reaktion bei der Plattenfirma.
Und so kam es, dass statt des Specialalbums die vergessene Wende-Platte
veröffentlicht wurde - ab 27. September mit der electra-Box im Handel.
Außerdem gibt es die Jubiläums-Doppel-CD "35 Jahre electra" mit den
Single-Hits und vielen unveröffentlichten Raritäten.
Besonders überrascht hatten Bandleader Bernd Aust übrigens die Texte von
damals. "Unglaublich, wie aktuell die heute wieder sind", sagt er.
Einer der Titel heißt: "Not for sale":
Der Refrain:
Halt mich fest,
da draußen schneit es Lügen.
Da sagt dir jeder wer du bist und was du brauchst.
Halt mich fest,
denn sie dürfen uns nicht kriegen,
sie haben uns schon heute viel zu viel verkauft...
Heidrun Hannusch
|