"Fast wie nie zuvor" -
electra feierte 33. und wurde dafür gefeiert - im Alten Schiachthof
von Tomas Petzold - Dresdner Neueste Nachrichten vom 28.10.2002

Sah es für mich beim Aufwärmen mit Gualaceo auch noch nicht unbedingt danach aus - das unorthodoxe 33er Jubiläumskonzert von electra im Alten Schlachthof wurde zu einer richtig schönen Geburtstagsfeier. Wohlgemerkt nicht zu einem Nostalgietreff von DDR-Altrockern, obgleich der Herbstwind auch hier manch einstmals dichte Belaubung deutlich gelichtet hat. Der soziale Status der teilnehmenden Musiker lässt sich unterschiedlich interpretieren, entscheidend war und ist aber, was am Ende dabei heraus kommt, nämlich in diesem Fall Professionalität.

Was electra von manchen Altersgenossen unterscheidet, ist, dass sie sich nicht selbstverliebt von der musikalischen Entwicklung verabschiedet haben, sondern jeder auf seine Weise daran Teil hat. Da wird dem Publikum nichts vorgegaukelt, und man hat es auch nicht nötig, sich selbst auf die Schippe zu nehmen. Statt dessen wird fleißig gecovert, wie einst bei Mozart oder Jethro Tull, aber auch bei electra. Dadurch klingt vieles straffer, zeitgemäßer, es geht geradeaus und zügig zur Sache, unter Verzicht auf Soundtüfteleien und herausgestellten Kunstanspruch. So werden hymnische Breite und sendungsbewusstes Pathos weitgehend umschifft, ohne dass Botschaften ausbleiben.

Junge Leute als Rhythmusgeber (Falk Möckel an den Drums) machen sich in angejahrten Formationen meistens gut, aber zu kaschieren hatten sie nichts. Wolfgang Riegel ist um sein Bass-Solo nach wie vor nicht verlegen, und was Bernd Aust im ersten Teil per Saxophon, im zweiten auf der Querflöte bot, braucht sich ebenso wenig wie das gesamte Konzert hinter dem zu verstecken, was er im Hauptberuf für den Alten Schlachthof bucht.

Was bei dieser Gelegenheit verwundert, oder auch nicht: dass ein Sänger wie Stefan Trepte nicht viel viel mehr Furore macht in diesem Land - wenn man sein Material etwa mit dem von Grönemeier oder Kunze vergleicht. Wer sozusagen unvorbereitet mit dem Trio Werther Lohse, Trepte und Peter Ludewig konfrontiert wurde, dem konnten wieder mal die Ohren aufgehen für die Disharmonien im Musikgeschäft.

Waren Rockbands früher fest gefügte Familienverbände mit den entsprechenden Krisen, so ist electra heute ein musikalisches Projekt, das sich bei Bedarf abrufen lässt - und der war hier nicht nur fast überreichlich vorhanden, sondern wurde auf einem Niveau befriedigt, dass auch Skeptiker begeistert in den Gesang des "Nie zuvor" einstimmten.

Unnötig, all die Kultnummern aufzuzählen, die es im reichlich zweistündigen Programm zu hören gab. Hinzuweisen ist aber auf die stimmige Dramaturgie (im ersten Teil eigene Stücke im "Normalformat", im zweiten Coverversionen und Markenzeichen wie der Grüne Esel und "Tritt ein in den Dom") - das war kurzweilig, vielseitig, und ließ immer noch Steigerung zu.

Zur erwähnten Professionalität ist auch die unkomplizierte Einbindung von Gästen zu zählen, darunter die "nach der Flut wieder aufgetauchte" Dresdner Band Zwei Wege. Hier blieb es zunächst einen schöne Geste. "Nicht alle haben wir gefunden, einige wollten nicht, einige konnten nicht. Einen haben wir nicht gefragt", erklärte Aust zur Präsenz früherer electra-Mitglieder an diesem Abend, die sich dann auf einen Beitrag von Gisbert Koreng (Vier Milliarden in einem Boot) beschränkte. Aber auch so gab es wahrlich genug gute Musiker auf der Bühne und auch noch drumherum ein kleines Festival Dresdner Bands.